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Mitarbeiterentwicklung

Philipp Heideker15. September 202611 Min. Lesezeit

Üben ohne Publikum: Rollenspiele im Training

Rollenspiele im Training scheitern selten an der Methode. Sie scheitern daran, dass Sicherheit und Wiederholung im Seminarraum gegeneinander stehen.

Üben ohne Publikum: Rollenspiele im Training

TL;DR. Rollenspiele im Training scheitern selten an der Methode selbst. Das Problem ist, dass sich Sicherheit und ein realistischer Schwierigkeitsgrad im Seminarraum nur schwer miteinander verbinden lassen. Die Anwesenheit anderer beeinträchtigt gerade bei komplexen Aufgaben die Leistung (Bond & Titus, 1983). Die üblichen Gegenmaßnahmen haben jedoch ihren Preis: Entweder gibt es weniger Wiederholungen oder keine geschulte Rückmeldung. In einem vierstündigen Plenumsblock mit zwölf Teilnehmenden kommt jede Person ungefähr einmal aktiv an die Reihe. Dieser Beitrag betrachtet die Zahlen, die damit verbundenen Kompromisse und die Voraussetzungen dafür, dass Sicherheit und Wiederholung nicht länger miteinander konkurrieren.

Key Takeaways

  • Die Anwesenheit anderer verbessert einfache Aufgaben zuverlässig und verschlechtert komplexe zuverlässig, gezeigt über 241 Studien mit rund 24.000 Teilnehmenden (Bond & Titus, 1983). Ein schwieriges Gespräch ist die komplexe Aufgabe.
  • Der Effekt ist belegt, aber klein: bloße Anwesenheit erklärt 0,3 bis 3 Prozent der Leistungsvarianz (Bond & Titus, 1983). Ausschlaggebend ist nicht das Publikum an sich, sondern die erwartete Bewertung (Cottrell, 1968).
  • Die Ablehnungsgründe sind fachlich seit Langem beschrieben, unter anderem vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung: Angst vor dem Aufmerksamkeitsfokus, vor unfreiwilliger Selbstoffenbarung und davor, Gefühle zu zeigen und dafür bewertet zu werden.
  • In einem vierstündigen Plenumsblock mit zwölf Teilnehmenden bleibt pro Person rund ein aktiver Durchlauf. Paararbeit erhöht diese Zahl deutlich, allerdings ohne geschulte Rückmeldung in jedem Gespräch.
  • Bei Energieversum kamen Teilnehmende vor der Umstellung mit ein bis zehn geübten Verkaufsgesprächen in den letzten Onboarding-Tag, danach mit rund 35. Diese Zahlen stammen aus einem einzelnen Rollout und gehören gegen das eigene Setup geprüft.

Das Rollenspiel wird angekündigt und sofort verändert sich die Stimmung im Raum. Jemand vertieft sich plötzlich in die Unterlagen, jemand anderes greift zum Telefon. Dann kommt die Frage, ob man die Situation nicht lieber gemeinsam besprechen könne. Trainerinnen und Trainer kennen diesen Moment. Meist lautet die Erklärung: Widerstand, fehlende Offenheit oder eine Gruppe, die noch nicht bereit ist.

Diese Erklärung greift zu kurz und schiebt das Problem den Teilnehmenden zu. Von einem Piloten, einer Chirurgin oder einem Musiker würde schließlich auch niemand erwarten, eine schwierige Abfolge gleich beim ersten Versuch vor Publikum zu beherrschen. Das Problem liegt nicht an der Haltung der Gruppe, sondern an der Situation selbst. Ein Seminarraum kann Sicherheit schaffen oder eine anspruchsvolle Übung ermöglichen. Beides gleichzeitig gelingt nur schwer. Dieser Beitrag erklärt, warum das so ist, welchen Preis die üblichen Gegenmaßnahmen haben und was eine Übungssituation leisten muss, damit aus Übung tatsächlich Können wird. Vorweg die unbequeme Erkenntnis: Eine bessere Moderation allein löst das Problem nicht.

Warum lehnen Teilnehmer Rollenspiele im Training ab?

Die Ablehnung richtet sich nicht gegen die Methode, sondern gegen die Bewertungssituation, die sie herstellt. Wer ein Rollenspiel ablehnt, lehnt in aller Regel ab, vor Kolleginnen und Kollegen bei etwas beobachtet zu werden, das er noch nicht kann.

Die Gründe dafür sind längst bekannt. Das Portal wb-web des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung nennt mehrere Motive: die Angst, im Mittelpunkt zu stehen und sich beweisen zu müssen, die Sorge, ungewollt zu viel von sich preiszugeben, den Druck, auf Knopfdruck kreativ sein zu müssen, und die Furcht, Gefühle zu zeigen und dafür beurteilt zu werden. Hinzu kommen offen ausgesprochene Einwände, etwa dass Rollenspiele kindisch seien oder zu viel Zeit kosteten.

Es stimmt also nicht, dass niemand über diese Hemmungen spricht. Die Fachliteratur beschäftigt sich damit und empfiehlt verschiedene Gegenmaßnahmen. Spannend ist vor allem die Frage, wie sich diese Maßnahmen auf die Übung selbst auswirken.

Was macht das Publikum mit der Leistung im Rollenspiel?

Zuschauer verschlechtern messbar genau die Art von Aufgabe, für die ein Rollenspiel gedacht ist. Die Metaanalyse von Bond und Titus fasste 241 Studien mit rund 24.000 Teilnehmenden zusammen und bestätigte ein konsistentes Muster: Die Anwesenheit anderer verbessert die Leistung bei einfachen, gut eingeübten Aufgaben und verschlechtert sie bei komplexen (Bond & Titus, 1983).

Ein Einwand im Kundengespräch, eine abgelehnte Gehaltserhöhung oder eine Eskalation im Service sind komplexe Aufgaben. Man muss zuhören, abwägen und spontan eine passende Antwort formulieren. Genau solche Aufgaben fallen unter Beobachtung schwerer.

Dabei sind zwei Einordnungen wichtig. Erstens ist der Effekt klein: Die bloße Anwesenheit anderer erklärt 0,3 bis 3 Prozent der Leistungsunterschiede. Zu behaupten, ein Publikum ruiniere die Leistung, wäre also übertrieben. Zweitens ist nicht allein die Anwesenheit entscheidend. Cottrell zeigte, dass vor allem die erwartete Bewertung durch andere den Unterschied macht (Cottrell, 1968). Ein Raum voller Menschen, die nicht urteilen, fühlt sich anders an als ein Raum voller Menschen, die anschließend Feedback geben sollen. Im Seminarraum ist meist genau diese zweite Situation gegeben.

Wie viele Übungsdurchläufe bekommt eine einzelne Person tatsächlich?

Bei einem Rollenspiel im Plenum kommt jede Person in einem halben Tag ungefähr einmal aktiv an die Reihe. Diese Zahl wird selten ausgerechnet, erklärt aber einen großen Teil der enttäuschenden Wirkung solcher Übungen.

Nehmen wir einen typischen Trainingsblock mit zwölf Personen und vier Stunden Zeit, also 240 Minuten. Eine Runde aus kurzer Einweisung, Gespräch und Auswertung dauert realistisch etwa 20 Minuten. Damit sind zwölf Runden möglich. Ist pro Runde eine Person in der aktiven Rolle, bleibt für jeden genau ein Durchlauf. Und das auch nur, wenn nichts länger dauert, keine Pause nötig ist und keine ausführliche Diskussion entsteht.

Die naheliegende Alternative ist Paararbeit. Alle Paare üben gleichzeitig und niemand steht vor der gesamten Gruppe. Da sechs Gespräche parallel stattfinden, steigt die Zahl der Durchläufe deutlich. Dafür fehlt in den meisten Gesprächen eine geschulte Beobachtung. Die Trainerin kann nur eines von sechs Paaren begleiten. In den übrigen Fällen kommt die Rückmeldung von jemandem, der dieselbe Fähigkeit gerade selbst lernt.

FormatAktive Durchläufe pro PersonGeschulte RückmeldungExposition vor der Gruppe
Plenum, eine Runde nach der anderenetwa 1jahoch
Paararbeit, alle gleichzeitigetwa 6nein, nur Peer-Feedbackniedrig
Fishbowl mit rotierendem Paar1 bis 2jahoch

Damit wird das Problem deutlich: Kein Format im Seminarraum bietet gleichzeitig viele Wiederholungen und eine geschulte Rückmeldung. Weniger Exposition bedeutet weniger fachkundige Bewertung. Bleibt die fachkundige Bewertung erhalten, fehlt die Zeit für Wiederholungen. Beides hängt von derselben begrenzten Ressource ab, der Aufmerksamkeit einer erfahrenen Person.

Warum schwächt jede Sicherheitsmaßnahme die Übung?

Die üblichen Maßnahmen gegen den Widerstand verringern die Exposition, machen dabei aber auch die Übung leichter. Die Empfehlungen sind nachvollziehbar. Ihre Auswirkungen auf die Qualität der Übung werden jedoch selten betrachtet.

Vier Maßnahmen finden sich in fast jeder Handreichung: Paararbeit statt einer Übung vor Publikum, wodurch die Qualität der Rückmeldung sinkt; ein einfacher Einstieg mit leichten Anfangsübungen, wodurch die Herausforderung kleiner wird; die Möglichkeit, jederzeit auszusteigen, auch an dem Punkt, an dem das eigentliche Lernen beginnen könnte; und schließlich ein fehlerfreundliches Klima mit wertschätzendem Feedback. Das ist hilfreich, kann die Rückmeldung aber unklarer machen, wenn Wertschätzung zur einzigen Regel wird.

Fällt jeder Druck weg, ähnelt die Übung kaum noch der Situation, auf die sie vorbereiten soll. Ein Gespräch, in dem das Gegenüber freundlich nachgibt, trainiert nicht das, was später im echten Gespräch nötig ist. Dieser Zielkonflikt entsteht also nicht durch schlechte Moderation, sondern durch das Format selbst: Mehr Sicherheit bedeutet im Seminarraum häufig weniger Schwierigkeit.

Wie lässt sich ohne Publikum üben, ohne das Feedback zu verlieren?

Nötig sind ein Gegenüber, das anspruchsvoll bleibt, und eine Bewertung, für die keine andere Person zuschauen muss. Erst wenn beides nicht mehr von den begrenzten Ressourcen im Raum abhängt, verschwindet der Zielkonflikt.

Sprachbasierte Übungsgespräche mit einem virtuellen Gegenüber sollen genau das ermöglichen. Bei Sleak heißt dieser Bereich Training Mode. Eine Person wählt ein Szenario, führt ein vollständiges Gespräch mit einer virtuellen Persona und erhält anschließend eine Bewertung durch den AI Coach anhand einer Scorecard. Diese Scorecard legt den Gesprächsstandard vorher fest. Statt pauschalem Lob verweist das Feedback auf konkrete Belege aus dem Transkript. Der AI Coach ist dabei die Software, die diesen Standard anwendet, keine Person. Da kein Kollege zuschaut, entfällt die Sorge vor der Bewertung durch andere im Raum. Gleichzeitig bleibt die Aufgabe anspruchsvoll, weil die Persona nicht einfach einlenkt. Wie diese sprachbasierten Übungsgespräche funktionieren, zeigt die Produktseite.

Auf der Plattform sind auf diese Weise bisher mehr als 77.000 Gespräche geführt worden, verteilt auf über 600 Organisationen. In diesen Zahlen sind Test- und Demozugänge enthalten, sie beschreiben also die Nutzung der Plattform und nicht die Zahl der Kunden.

Der Seminarraum wird dadurch nicht überflüssig. Er bekommt lediglich eine andere Aufgabe. Die Wiederholungen finden an anderer Stelle statt, während der Raum für das genutzt wird, was dort besser funktioniert.

Praxis: was sich bei Energieversum an den Zahlen ablesen lässt

Ein realer Rollout zeigt, wie viel Zeit das Üben im Seminarraum kostet und wie wenige Durchläufe dabei möglich sind. Beim Solaranbieter Energieversum bestand die Einarbeitung im Vertrieb vor der Umstellung aus Einzel-Rollenspielen mit der Teamleitung.

Eine solche Sitzung konnte bis zu 90 Minuten dauern. In dieser Zeit musste eine Teamleitung den Kunden spielen, die Leistung beobachten und anschließend ausführliches Feedback geben. Eine ausreichende Zahl solcher Termine hätte so viele Kapazitäten gebunden, dass ein Team realistisch nur eine neue Person pro Monat auf das erforderliche Niveau bringen konnte. Es fehlte nicht am Willen, sondern an der verfügbaren Zeit.

Nach der Umstellung stieg die Zahl der Übungsgespräche deutlich. Vor Sleak erreichten viele Teilnehmende den letzten Onboarding-Tag mit ein bis zehn geübten Verkaufsgesprächen. Heute sind es durchschnittlich rund 35. Marc Weißbrenner, Head of Field Sales, beschreibt die frühere Situation so: "Die Einzel-Rollenspiele haben die Zeit und die Expertise unserer besten Teamleitungen verschlungen. Jetzt brauchen wir sie nicht mehr für jedes Übungsgespräch." Die Zahlen stammen aus dem Rollout eines einzelnen Unternehmens mit einer eigenen Ausgangslage und sollten mit dem jeweiligen Setup verglichen werden.

Ist das nicht einfach ein Rollenspiel mit einer Maschine?

Der entscheidende Unterschied ist nicht das Medium, sondern wer dabei ist und nach welchen Kriterien bewertet wird. Der Einwand ist berechtigt. Ein Gespräch mit einer Software wirkt zunächst wie eine eingeschränkte Version eines Gesprächs mit einem Menschen, und in mancher Hinsicht ist es das auch.

Verändert wird die Verbindung zwischen Wiederholung und der Verfügbarkeit einer erfahrenen Person. Die Zahl der Durchläufe hängt nicht länger von deren Zeit ab. Auch die Bewertung ist unabhängig davon, wer gerade zusieht. Damit entfällt der ursprüngliche Zielkonflikt. Das Gespräch bleibt anspruchsvoll, weil das Gegenüber nicht aus Höflichkeit nachgibt. Gleichzeitig sinkt die Hemmschwelle, weil niemand aus dem eigenen Team mithört.

Trotzdem hat das Rollenspiel im Seminarraum klare Stärken. Es eignet sich für Situationen, die von echter menschlicher Unberechenbarkeit leben, für die gemeinsame Suche nach einer passenden Formulierung, für den Austausch verschiedener Perspektiven auf dasselbe schwierige Gespräch und für den Vertrauensaufbau in einem neuen Team. Das sind keine reinen Wiederholungsaufgaben und deshalb gehören sie weiterhin in den Raum. Der zwölfte Versuch, eine Standardformulierung richtig zu treffen, gehört eher nicht dazu.

Häufig gestellte Fragen

Warum funktionieren Rollenspiele im Training so oft nicht?

Weil sie im Seminarraum zwei Dinge gleichzeitig leisten sollen, die von derselben begrenzten Ressource abhängen: viele Wiederholungen pro Person und eine geschulte Rückmeldung nach jedem Versuch. Hinzu kommt, dass die Anwesenheit anderer die Leistung bei komplexen Aufgaben beeinträchtigen kann (Bond & Titus, 1983). Das Problem ist selten die Methode selbst, sondern meist die verfügbare Zeit.

Hilft es, das Rollenspiel in Paaren statt vor der Gruppe zu machen?

Für die Zahl der Durchläufe ja, für die Qualität der Rückmeldung nein. Bei sechs gleichzeitig laufenden Paaren kann eine Trainerin in genau einem Gespräch anwesend sein. Die übrigen fünf bekommen Peer-Feedback von Personen, die dieselbe Fähigkeit gerade erst lernen.

Ist die Scham der Teilnehmenden nicht einfach eine Frage von Vertrauen im Team?

Vertrauen senkt die Hemmschwelle, es löst das Kapazitätsproblem aber nicht. Selbst in einem Team mit großem Vertrauen bleibt es bei etwa einem aktiven Durchlauf pro Person und Nachmittag. Der Mechanismus hinter der Hemmung ist zudem nicht das Publikum an sich, sondern die erwartete Bewertung (Cottrell, 1968).

Wie viele Übungsgespräche sind sinnvoll?

Eine allgemeingültige Zahl gibt es nicht, da sie vom Szenario und vom jeweiligen Ausgangsniveau abhängt. Reale Rollouts vermitteln aber ein Gefühl für die Größenordnung. Bei Energieversum stieg das Übungsvolumen von ein bis zehn Gesprächen auf rund 35 pro Person bis zum letzten Onboarding-Tag. Entscheidend ist weniger die genaue Zahl als die Möglichkeit, deutlich häufiger als nur einmal zu üben.


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